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Kaffeebohnen statt Krieg ? – News aus Südsudan

Airport Juba

Vom Auswärtigen Amt bis zu Journalistenorganisationen – alle warnen eindringlich davor, den Südsudan als Journalist zu besuchen. Allen Warnern kann man nur zu Gute halten, das es kaum Informationen zur aktuellen Situation gibt (abgesehen von Schreckensmeldungen). Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung und Ausreiseempfehlung für alle Bundesbürger auf seiner Website. Die Realität:

Die nördlichen Gebiete des Südsudan sind in der Tat besser nicht zu besuchen, es sei denn innerhalb eines humanitären UN- Einsatzes. Auch wenn dort die Waffen meistens schweigen kann sich das blitzschnell ändern und Evakuierungen von Ausländern gab es in den vergangenen Monaten mehr als genug. In der Hauptstadt Juba ist das unbegleitete Umhergehen ohne Begleitung tagsüber definitiv möglich, welche Viertel gerade aufgrund der hohen Krimininalität zu meiden sind, weiß jede NGO (“Nichtregierungsorgansiation”), die hier zu Dutzenden aktiv sind. Das man nachts in der Hauptstadt einer der ärmsten Länder der Welt nicht unterwegs ist, versteht sich von selbst. Dies hat nichts mit dem Bürgerkrieg zu tun: Juba hat Zehntausende von Binnen-Flüchtlingen aufgenommen, dadurch hat sich das soziale Klima noch einmal verschärft. Jeder zweite Wagen auf der Strasse ist entweder ein Militärfahrzeug (wirklich niemals fotografieren!) oder ein Wagen der UN oder anderer Hilfsorganisationen. Das der Flughafen der Hauptstadt von ugandischen Verbänden mit Panzern und Geschützen gesichert wird sieht dramatischer aus, als es ist.

Unproblematisch ist der Besuch der rund 160km entfernten Region Yei: in einem der wichtigsten Agrargebiete des Landes werden Besucher unglaublich freundlich aufgenommen, die Militärpräsenz ist auch aufgrund der Nähe zur “Schutzmacht” Uganda deutlich geringer als in der Hauptstadt und trotz des täglichen Durchschnittslohnes von 1$ ist weder Aggressivität noch Ablehnung zu spüren, auch nicht nach mehrtägigem Aufenhalt. Anstrengend ist es allerdings, auf kaum erkennbaren Wegen und bei knapp über 40 Grad und hoher Leuftfeuchtigkeit die Kaffeebauern zu finden, mit denen man Gespräche führen will…

Kaffeebauer

Fliegende Buschtaxis bringen einen für 50$ in die Stadt Yei, der man aufgrund einer endlosen Ausdehnung die 250.000 Einwohner nicht ansieht. In Yei gilt dasselbe wie für Juba: tagsüber kann man sich fast überall bewegen, für Fahrten ausserhalb des Riesendorfes geht ohne Guide gar nichts, denn das Wegenetz ist selbst für Einheimische kaum durchschaubar. Sehr viel Zeit einplanen! Sogar ein “westliches” Hotel gibt es dort seit einigen Monaten, landestypisch mit entweder kein Wasser oder kein Strom. Kein Wasser und kein Strom zusammen sind selten, dafür gibt es kein Internet und kein Mobilfunknetz.

Der fast komplett grüne Südsudan mit seinen Flüssen, sich bis in die Berge ziehenden Kaffee- und Teeplantagen, mit einem Klima, in dem zwei Ernten pro Jahr möglich sind, könnte eines Tages Nahrungsmittel in andere Länder exportieren statt täglich Tausende von Säcken mit Lebensmittelrationen aus UN-Flugzeugen ausladen zu müssen. Noch halb im Bürgerkrieg und mit 1.5 Millionen innerhalb des eigenen Landes vertriebener Menschen ist das ein verdammt weiter Weg. Der aber gelingen kann.

Was haben digitale Kommunikation und “robot journalism” mit einer Reportage aus dem Südsudan zu tun?

Direkt am Flughafenhotel Juba

If the nation building is successful South Sudan would become a state with promising chances. As long the bloody fights between the major tribes continue it is only a wish. Tomorrow leaving from the capital to the coffee and tea region.

Aber was hat digitale Kommunikation mit einer Reportage aus dem Südsudan zu tun?

Der Südsudan hat mit dem Sillicon Valley weniger Gemeinsamkeiten als eine Pferdekutsche mit einem Tesla.
Es gibt im ganzen Land genau einen Geldautomaten – an dem es aber nur Geld gibt, wenn man ein Bankkonto im benachbarten Kenia hat – und WLan in zwei Hotels, vorausgesetzt die Stromversorgung funktioniert. In der Hauptstadt Juba leben exakt 1-1,5 Millionen Menschen: da sich die Zahl der Flüchtlingsströme täglich ändert, können die Hilfsorganisationen nur schätzen. Immerhin, der internationale Flughafen wird angeflogen und mehr als 9 Impfungen werden nicht empfohlen. Die Ausreiseempfehlung des Auswärtigen Amtes muß man ignorieren, es gibt auch Versicherungen für die sogenannten „war zones“ dieser Welt. Der Südsudan ist mehrheitlich christlich, also besteht keine IS-Gefahr, nur sollten die umkämpften Bürgerkriegsgebiete im Norden vermieden werden. Es ist schon lange kein Bürgerkrieg mehr mit dem Nachbarland Sudan im Norden: nach der Unabhängigkeit des Süd-Sudans 2011 begannen die blutigen Machtkämpfe im neuen UN-Vollmitglied, einschließlich der Rekrutierung von Kindersoldaten und Massakern. Begangen von beiden Seiten, Schuldzuweisungen sind ebenso sinnlos wie bislang alle Vermittlungsversuche. Natürlich geht es um Macht und um Ressourcen, die Protagonisten gehen unberührt an Leichen vorbei und durch niedergebrannte Dörfer. Die x-ten killing fields in Afrika, nichts Neues. Seit Wochen etwas ruhiger, trotz erneut gescheiterter Friedensgespräche.

Wenn man, so meine Überzeugung, sich mit digitalen Informationsangeboten bis hin zu “robot journalism” beschäftigt, muß man abundzu das tun, was Journalismus ist: mit Menschen reden, versuchen zu verstehen, hinter die Kulisse blicken und dann daraus eine Geschichte machen. Denn Journalismus nur vom Schreibtisch gibt es nicht, von “Robotern” schon gar nicht und zum Glück auch nicht nur dann, wenn von vornherein feststeht, dass mit dem Thema tolle Click-Rates erzielt werden. Dafür gibt es dann wirklich bessere Geschichten als die aus einem bettelarmen Land, dass eigentlich grossartige Chancen hätte.