Haben die Medien zuviel Wind um Irma gemacht?

Die USA stand tagelang vor dem Untergang, Irma kam. Verfolgte man – was unausweichlich war – Sondersendungen, Sonderberichterstattern, todesmutigen Reportern auf windigen Balkonen und heroisch gummistiefelbewehrten Bürgermeistern, dann musste Irma schlimmer werden als der nordkoreanische Diktator je sein könnte. Vielleicht nicht der Untergang der USA, aber Florida zumindest schien für Tage unrettbar verloren. Wer den Billig-B-Movie “Sharknado” kennt erwartete schon, dass aus dem Wasser gerissene und nun vom Himmel fallende Haie, Schlangen und Alligatoren zusätzlich zu Wind und Wasser zur elementaren Gefahr werden könnten.

Sharknado

Jede apokalyptische Äußerung eines wenigstens halbwegs integer aussehenden “Experten” wurde mit Begeisterung aufgenommen und zur “breaking news” erklärt. Great storm!

Natürlich ist jedes Opfer dieses historischen Sturms eines zuviel, aber für nun stellenweise vorkommende Plünderungen kann diese Naturgewalt ursächlich nichts. Natürlich kann man auch Verkehrsteilnehmer, die sich bei Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h ins Auto setzen mussten und regelrecht von der Straße geweht wurden, zu Hurrikan-Opfern machen. Vor allem, wenn dringend Belege für ein zivilisationsbedrohendenes Naturereignis gebraucht werden. Milliarden-Schäden, der Verlust von beruflichen Existenzen, der Verlust von Häusern und Eigentum – das Irma all dies mitbringen würde, war leider schnell klar. Aber war dieses häufige “darfs noch ein bißchen mehr Verwüstung sein” nötig?

Das US-Medien Evakuierungen mit sehr deutlichen Warnungen unterstützten ist verständlich. Warum europäische Medien so konsequent mit auf den Weltuntergangs-Zug aufsprangen weniger. Ein bißchen “vielleicht wird es überhaupt nicht so schlimm” wäre angenehm sachlich gewesen. Die Amerikaner selbst, und dies kann ich nur bewundern, haben ihren Humor ansatzweise schon wieder gefunden. Irma-Kuchen gab und gibt es in jedem gut geführten Online-Shop – inzwischen meist ausverkauft.

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P.S. Wobei die Katastrophe auf Kuba eher zu wenig berichtet wurde …

Reuters Report: Deutschlands Nachrichtenkonsum bleibt traditionell

reuters institute
Bei allen Facebook- und Fake-News-Stürmen: in Deutschland bleibt die Nachrichten-Nutzung weitgehend konservativ und radikale Meinungsportale sind ohne Chancen. Das ist das knappe Fazit der aktuellen Studie des renommierten Reuters Institute Drei zentrale Stützpfeiler der bundesrepublikanischen Nachrichtenversorgung machen die Analysten aus: Spiegel Online für die pointierten, politischen Berichte, BILD Online für Entertainment und Breaking News und, ungebrochen in der Zuschauergunst, die ARD Tagesschau für die seriöse und neutrale Informations-Grundversorgung.

Besorgniserregend empfinden die Medienexperten dagegen die Entwicklung bei den Nachrichtenredaktionen anderer (Online)-Medien: vor allem die in Deutschland mit 28% sehr weit verbreiteten Werbeblocker verhinderten nötige Investitionen in Nachrichtenredaktionen und Nachrichten-Redakteure. Die Nachrichtennutzung über soziale Netzwerke ist laut Reuters im Vergleich zu vielen anderen Ländern sehr niedrig und wird in ihrer Bedeutung von den Verlagen selbst eher überschätzt.

Eine Polarisierung innerhalb der Medienlandschaft, wie sie in den USA weltweit am stärksten ist und laut Reuters die Polarisierung innerhalb der Bevölkerung wiederspiegelt, ist in Deutschland nicht feststellbar. Hier sind die inhaltlichen Ausrichtungen nach “eher links – eher rechts” weitaus näher an der politischen Mitte angelehnt, ähnlich sieht es beispielsweise in Portugal oder den Niederlanden aus. In Italien, Spanien und Polen dagegen ist wie in den USA die Entstehung relevanter Medienangebote an den äußersten Rändern des politischen Spektrums feststellbar.