Von der Geheimwissenschaft zum Standard: Roboterjournalismus

zwei roboterhände auf tastatur

Nach einer kleinen Rundreise und Besuche bei fast allen Anbietern von automatisierten Texten diese kurze, stichwortartige Zusammenfassung zum Stand des automatisierten Contents:

• Die drei klassischen Anwendungsgebiete Wetter, Börse/Finanzdaten und eventreiche Mannschaftssportarten werden allesamt ab Beginn 2017 in allen Sprachen in hoher Qualität umfangreich als automated content angeboten werden

• Die Zahl der Nachrichten wird – so auch die BBC – extrem zunehmen, der Gesamtanteil der automatisch generierten Nachrichten an allen News wird auf 90% steigen (News für kleine Zielgruppen, special interest, vielfältige Sprach- und Formatversionen führen zu dieser Vergrößerung des Nachrichtenangebotes)

• Reuters, Bloomberg und zwei große Finanzportale arbeiten bereits an mehrsprachigen Finanz-Angeboten, die auf ohnehin vorhandenen Daten basieren: die Portale werden die Inhalte zumindest zunächst als Marketing/SEO-Maßnahme kostenlos anbieten, die Wirtschaftsnachrichtenagenturen werden ihr Webfeed-Angebot damit massiv ausbauen. Erwarteter Launch: Jahresbeginn 2018.

• Die Differenzierung der Angebote wird keine textbezogene mehr sein, sondern sich am Anspruch der Dateninterpretation messen: wie viele historische Daten oder sekundenaktuelle Vergleiche werden in den Text integriert, um diesen dramaturgisch hochwertig zu machen und etwas zu bieten, was der menschliche Redakteur nicht oder nur mit extremen zeitlichen Aufwand schreiben könnte

• Erst ab Ende 2017/2018 wird man artificial intelligence sinnvoll einsetzen können: zunächst werden Softwares die exakte Tonalität eines Kundenmediums selbsttätig lernen, ab 2019 wird die Software selbststätig Datenquellen durchsuchen und entscheiden können, ob die Inhalte genug für eine interessante Geschichte hergeben oder nicht

Medienhäuser haben die Möglichkeiten bislang nicht erkannt: in aller Regel gibt es kaum einen Überblick darüber, welche Daten im Haus verfügbar wären und welche Inhalte man daraus generieren könnte

• Die US-Unternehmen narrative science und automated insights haben mit ersten Kundenprojekten in der DACH-Region begonnen und bauen weiter aus

• Die Entwicklungskosten sind im freien Fall: die Entwicklung einer Textgenerierungsanwendung wie die für das „Handelsblatt“ (15minütige Vertextlichung von Tec-,S- und MDax) wurden vor 2 Jahren noch mit immerhin 200Teur kalkuliert. Heute würde die Entwicklung der noch relativ einfachen Anwendung mit höherer Textqualität in einer Sprache maximal 50-75Teur kosten, die Kosten sind um rund 75% gefallen

• Die Kostenfalle für die Anbieter kann nur durch die Konzentration auf Premiuminhalte durchbrochen werden: die maximale Zahlungsbereitschaft je Artikel liegt im Börsenbereich bei 0,75Eur bis maximal 1,50Eur, je nach Vermarktungsansatz. Eine Integration relativ einfacher Börsen- Sport- oder personalisierter Wetterberichte in payed content-Bereiche von Medienkunden funktioniert aber nur, wenn die Inhalte einen extrem hohen Mehrwert für die User oder payed newsletter Empfänger bieten. Einfache, aber gut lesbare Textangebote wird es in einem Jahr schon für rund 20 Cent/Artikel geben.

Warum “mobile first!” für Medien einfach Müll ist

Müllhalde

Seit einer gefühlten Ewigkeit geht es bei Medien- und Digitalkonferenzen um “Mobile“, gerne auch als “Mobile!” in fett und groß auf die virtuellen Programmflyer gepinnt, damit es auch der Letzte versteht. Ohne “MOBILE” ist Dein Medium, Dein Blog, Dein Portal oder Dein ganzes Unternehmen innerhalb kürzester Zeit erfolglos, erledigt, tot, mausetot. Und weil “Mobile” so wichtig ist, müssen neue Kanäle gebaut werden, um die Mobile-Nutzer irgendwo zu erwischen, egal, wo sie gerade surfen, chaten oder tweeten. Die Kanalbaukosten sind hoch und bringen zunächst keinen “return on investement”, auch deswegen müssen Redaktionskosten eingespart werden. Und dann?

Dann gibt es interaktive, mobile Kanäle, die den gigantischen Abwasserkanälen in Los Angeles erschreckend ähneln, denn auch sie sind leer. Völlig leer. Natürlich kann man für die schönen, neuen Kanäle noch schnell ein paar Clickstrecken einkaufen (“Die hässlichsten Hunde der Welt – das zehnte Bild wird Sie echt erschrecken…”), aber ansonsten sieht die mobile Welt aus wie die Autobahnen in Nord-Korea: glänzender Asphalt ohne Sinn. Warum redet eigentlich niemand mehr über die – sorry, jetzt kommt ein Steinzeitwort – Inhalte? Inhalte waren in der Vergangenheit anschaulich und verständlich präsentierte Themen, über die sogenannte Redakteure ansatzweise nachgedacht hatten. Oder die auf inzwischen durchaus lesenswerten Niveau als “Roboterjournalismus ” entstehen. Es redet niemand über Redakteure, weil sie zu teuer sind. Über automatisch erzeugte Inhalte reden nur wenige, weil sie – wir sind in Deutschland – für irgendwie zu neuartig gehalten werden (anfängliches Tesla-Syndrom).

Inhalte… was soll das? Hat das wirklich noch Sinn? Lügenpresse lügt und die, von denen man vor zehn Jahren gehofft hätte, dass sie später einmal zu bezahlene Webangebote nutzen, sind längst in einem selbstgemachten Informationshäppchen-Dschungel aus Whatsapp, facebook und Twittter verschwunden. Aus “Es stand geschrieben” ist längst “Irgendwo wurde es von irgendjemanden gepostet” geworden und der Inhalte-Begriff ist wirklich tot, er hält sich nur noch in Randgruppen. Also bliebe nur die Kapitulation, der weitere Abbau und das Setzen auf den noch besser getrackten und SEO-doppelt-optimierten, mobilen Kanal, der am besten von gleich drei überbezahlten Online-Advertising-Agenturen promotet wird. Aber was bitte soll denn promotet werden, wenn nicht der Inhalt?
Bleibt also kaum eine andere Wahl, als sich wieder mit Inhalten auseinanderzusetzen!

Die fünf beratenden Social Media -Experten zu feuern, dafür acht brennende, hoch motivierte Nachwuchs-Journalisten einzustellen und ein Inhaltefeuerwerk abzubrennen, dass die mobilen Prediger nass macht. Klar, die Kanäle muss es geben. Aber sie nicht mehr als ein banaler technischer Transportweg für … genau!

Auch wenn man dafür von den “Mobile Gurus” und Dauer-Keynote-Sprechern belächelt wird. Denn die werden irgendwann ganz fürchterlich nackt dastehen, weil hinter ihnen eine große Leere beginnt. Nicht verwertbar, nicht vermarktbar, einfach verzichtbar.